Madonna mit dem Kruseler, um 1380/90  

Madonna mit dem Kruseler, um 1380/90

 

Zirbe, H 115 cm, rückseitig gehöhlt, weitgehend ursprüngliche Fassung

Kunstgeschichtliche Sammlungen, Inv.-Nr. P 284

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Die "herrschaftliche", auf einer Thronbank sitzende Maria mit dem gefältelten Kopftuch, das unter dem Kronreif die gewellten Haare umfängt und kragenförmig auf den Schultern ruht, hält auf ihrem rechten Knie das große sitzende Jesuskind. Maria hielt mit ihrer Linken wohl ehemals ein Zepter. Die Gewandung ist zwischen den Knien in einer gebauschten Falte reich drapiert, die rechte Seite wird von einer Röhrenfalte begrenzt. Der Mantelumhang weist breite Saumbordüren mit eingesetzten Glassteinen auf (anstelle der fehlenden Steine wird die silberunterlegte Fläche sichtbar, die den Glas- oder Kristallsteinen glitzernd-schimmernde Wirkung zukommen ließ). Der Umhang ist mit gepressten Rosetten und Löwenköpfen geziert. Der seit etwa 1342 bildlich bekannte Kruseler ist den hochadeligen Frauen als Kopfschmuck vorbehalten und kommt noch gegen Mitte des 15. Jahrhunderts vor. Katharina und Elisabeth von Böhmen am Bischofstor, Katharina von Böhmen am Doppelgrab und Johanna von Pfirt am Hohen Turm, alle zu St. Stephan in Wien und um 1359/66 entstanden, tragen den Kruseler. Auf den Flügelaußenseiten des Altares von Schloss Tirol (mehr dazu unter 1826) tragen die Gemahlinnen der beiden österreichischen Herzöge Albrecht III. und Leopold III., Elisabeth von Böhmen und Viridis Visconti von Mailand, diesen Kopfschmuck (um 1370/73). Die Skulptur stammt aus Pfons, könnte aber ursprünglich in der Kapelle der Burg Matrei im Wipptal gestanden haben, die nach dem Tod von Konrad von Matrei durch Heirat seiner Tochter Anastasia an Hans Trautson von Sprechenstein kam, der wiederum ein enger Vertrauter von Herzog Leopold III. war.

 

Die Skulptur befand sich in Privatbesitz in Pfons. Mit der Erwerbung aus dem Innsbrucker Kunsthandel (Walter Kathrein) gelang Hofrat Dr. Erich Egg, dem damaligen Direktor des Ferdinandeums, eine der bedeutendsten Erwerbungen für die Gotiksammlung. Die Madonna von Pfons zählt zu den wichtigsten Kunstwerken des späten 14. Jahrhunderts in Tirol und ist ein markantes Beispiel der hochadeligen Kunst dieser Zeit. Im Zusammenhang mit den gemalten Stifterfiguren am Altar von Schloss Tirol wird hier die modische Tracht der Frau im späten Mittelalter auch im regionalen Bereich Tirols wirksam.


Detail vom Altar von Schloss Tirol, Herzog Albrecht III. und seine Gemahlin Elisabeth von Böhmen, um 1370/73
Kunstgeschichtliche Sammlungen, Inv.Nr. Gem 1962 (Leihgabe Prämonstratenserstift Wilten, Innsbruck)
Mehr dazu unter 1826



Literatur
Carl Theodor Müller, Mittelalterliche Plastik Tirols. Von der Frühzeit bis zur Zeit Michael Pachers (Forschungen zur Deutschen Kunstgeschichte 6, bzw. Schriften der Deutschen Akademie 25, Berlin 1935) 48, 127. - Vinzenz Oberhammer, Maria mit Kind aus Pfons im Wipptal. In: Gotik in Tirol, Katalog Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum Innsbruck 1950 (Innsbruck 1950) Kat.Nr. 18, Abb. 11. - Ludwig Neuhauser, Restaurierungsbericht. In: Erwerbungen 1956-1980. Für Erich Egg zum 60. Geburtstag, Katalog Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum Innsbruck 1980 (Innsbruck 1980) 29-32. - Gert Ammann, Die Madonna von Pfons mit dem Kruseler. In: Festgabe für Erich Egg zum 65. Geburtstag (Innsbruck 1985) 12-23.

 

Gert Ammann