Vasenpokal, 1570/91  

Vasenpokal, 1570/91

 

Innsbrucker Hofglashütte (1570-1591)
Farbloses Glas mit Diamantrissdekor und Resten alter Vergoldung, H mit Deckel 30 cm, H ohne Deckel 22 cm

Kunstgeschichtliche Sammlungen, Inv.-Nr. GL 315

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Der Glaspokal besitzt über einem breiten Fuß mit umgeschlagenem Rand einen Balusterschaft mit Scheiben und Kugeln und in der Mitte einem großen hohlen Knauf mit vier Löwenköpfen. Darauf sitzt die bauchige vasenförmige Kuppa mit beerenförmigen Warzen und einem hohen glockenähnlichen Deckel mit drei aufgesetzten Löwenköpfen und dem nur mehr teilweise erhaltenen Balusterknauf.

 

Im 16. Jahrhundert gab es in Tirol zwei Glashütten, die das damals nördlich der Alpen so begehrte farblose Glas zu erzeugen vermochten, wie es in Murano - zunächst unter strengster Geheimhaltung der Herstellungsverfahren und einem Auswanderungsverbot für alle Glasmacher - im großen Stil produziert wurde: Die eine Glashütte wurde in Hall 1534 gegründet und 1635 aufgelassen (mehr dazu unter 1947), die andere war die Hofglashütte des Landesfürsten Erzherzog Ferdinand II. in Innsbruck, in der, mit Unterbrechungen, von 1570 bis etwa 1591 produziert wurde. Hier waren bedeutende venezianische Glasmacher am Werk, die nach den speziellen Wünschen des Erzherzogs für den Hof Prunkgläser fertigten und mit Dekoren in Diamantgravur, Farbmalerei und Vergoldung verzierten. Unter anderem befindet sich eine Gruppe solcher Gläser aus Schloss Ambras im Kunsthistorischen Museum in Wien, aber auch andere Sammlungen und Museen bewahren einige dieser kostbaren Innsbrucker Arbeiten. "Die Glasmacher der Hofglashütte hatten die Erlaubnis, den über den Hofbedarf hinausgehenden Teil der Produktion frei zu verkaufen ... und anderseits war es üblich, dass die fürstlichen Gastgeber, also auch Erzherzog Ferdinand II., ihren Gästen Gläser zur Erinnerung verehrten" (Egg 1962, 53f).

 

Im Ferdinandeum bezeugt einzig der hier besprochene Vasenpokal das hohe Niveau dieser sich in Form und Dekor an der italienischen Hochrenaissance orientierenden Innsbrucker Glasproduktionsstätte des ausgehenden 16. Jahrhunderts. Der Glaspokal konnte 1979 aus schweizerischem Privatbesitz erworben werden.


Haller Glashütte, Stangenglas, M. 16. Jahrhundert
Kunstgeschichtliche Sammlungen, Inv.Nr. GL 84
Mehr dazu unter 1947



Literatur
Erich Egg, Alte und neue Glaskunst, Katalog Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum Innsbruck 1959 (Innsbruck 1959). - Erich Egg, Die Glashütten zu Hall und Innsbruck im 16. Jahrhundert, in: Alte und moderne Kunst. Österreichische Zeitschrift für Kunst, Kunsthandwerk und Weltkultur 3 (1959) 6-10. - Erich Egg, Die Glashütten zu Hall und Innsbruck im 16. Jahrhundert (Tiroler Wirtschaftsstudien 15, Innsbruck 1962). - Erwerbungen 1956-1980. Für Erich Egg zum 60. Geburtstag, Katalog Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum Innsbruck 1980 (Innsbruck 1980) 48f, mit Abb.

 

Eleonore Gürtler