Oratiuncula parenetica, 1521  

Oratiuncula parenetica, 1521

 

"Oratiuncula parenetica ad pueros in symposio (et) coepulatione a puero recitata. Joanne Cuefnero Rattenbergio authore ...", gedruckt in der Stöckl-Offizin auf Sigmundslust bei Schwaz durch Josef Piernsieder
Papier, 190 x 144 mm [6 Blätter], Titelblatt mit Holzschnittrahmen

Bibliothek, Inv.-Nr. FB 38.060

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Obwohl Tirol zur Zeit der Gutenberg'schen Erfindungen ein reiches, auch allem Neuen offenes Land war, Bedarf an Druckerzeugnissen bestand und Maximilian I. sogar versucht haben soll, den damals besten Drucker, Aldus Manutius, von Venedig nach Innsbruck zu holen, lässt sich erst um 1520/21 eine auf dem Gebiet des heutigen Bundeslandes Tirol arbeitende Druckerei nachweisen, und zwar nicht etwa in Innsbruck, sondern bei Schwaz. Der aufgrund des Silbervorkommens vorhandene Reichtum ließ Schwaz, den weitum bevölkerungsreichsten Ort, zum kulturellen, humanistisch geprägten Zentrum werden. Zwei Gewerken, die Brüder Hans und Jörg Stöckl, errichteten auf dem einstigen, seit 1519/20 in Jörgs Besitz befindlichen Lustschlösschen Erzherzog Sigmunds von Tirol, Sigmundslust in Vomp, auf eigene Kosten eine Druckerei. Da hier gedruckte Werke z. T. ihnen gewidmet sind, dürften sie auch als Mäzene des Humanistenkreises aufgetreten sein, der sich um die örtliche Lateinschule gebildet und in der Person des an den Universitäten in Wien, Ingolstadt und Padua ausgebildeten Petrus Tritonius Athesinus (Treibenraiff) seinen wichtigsten Vertreter gefunden hatte. Drucker war Josef Piernsieder, bzw. der Mode der Zeit entsprechend latinisiert: Josephus Pyribullius. Nach seinem Fortgang aus Schwaz - 1526 ist er als Verleger eines Missales in München fassbar - werden auf Sigmundslust nur noch zwei Mandate (eines davon gegen den Bauernführer Michael Gaismair) gedruckt. Solche Auftragswerke waren auch in den Jahren vorher ein zweites, von den Behörden bezahltes Standbein der Druckerei!

 

Zum Humanistenkreis ist auch der Rattenberger Johannes Küfner, Verfasser der "Kleinen ermahnenden Rede an die Knaben bei einer Zusammenkunft und bei einem gemeinsamen Mahl vorgetragen", zu zählen. Er studierte später Medizin und nannte sich "Artium et Medicinarum doctor". Sicher war er Mitglied der Haller Stubengesellschaft, in deren Wappenbuch er als "Hanns Küeffner. Doctor" eingetragen ist. Allerdings springt der Hirsch hier - im Gegensatz zum Titelblatt - nach rechts. Es dürfte sich wohl beim Druck um einen Fehler des Holzschneiders handeln! - Die "Oratiuncula" ist das einzige Werk Küfners, das Piernsieder - " Josephus Pyribulli(us) Suocij imp(ri)mebat/ me(n)se Junio MDXXI." - druckte. Die übrigen acht bislang nachgewiesenen Titel erschienen über Deutschland, Frankreich, Italien verstreut.

 

Nach dem Ende des Schwazer Unternehmens dauerte es mehr als 20 Jahre, bis sich in Innsbruck (vorübergehend) eine von Ruprecht Höllerer geleitete Druckerei etablieren konnte. Erworben werden konnte dieses Exemplar aus dem Wiener Antiquariatsbuchhandel.


Hymnarius: durch das ganntz Jar verteutscht/ nach gewondlicher weyß vnnd Art zw synngen ..., gedruckt in der Stöckl-Offizin auf Sigmundslust bei Schwaz, 1524
Bibliothek, FB 1141



Literatur
Erich Egg, Die Stöckl-Offizin in Sigmundslust bei Schwaz, in: Veröffentlichungen des Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum 50 (Innsbruck 1970) 5-27. - Otto Kostenzer, Dr. Johannes Cuefner aus Rattenberg (Biographische Notizen), in: Tiroler Heimatblätter 46 (Innsbruck 1971) 18ff. - Wolfram Wieser, Die Bibliothek. In: Erwerbungen 1956-1980. Für Erich Egg zum 60. Geburtstag, Katalog Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum Innsbruck 1980 (Innsbruck 1980) 72-75. - Bayerische Staatsbibliothek in München in Verbindung mit der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel (Hg.), Verzeichnis der im deutschen Sprachbereich erschienenen Drucke des XVI. Jahrhunderts I, 4 (Stuttgart 1985) 136 (C 1893, C 1894); I, 16 (1987) 37f (K 2528 - K 2532); I, 21 (1994) 283 (V 1770). - Eleonore Gürtler, Die Stöckl-Offizin auf Schloß Sigmundslust in Vomp. Aus dem Geist des Humanismus entstanden. In: Silber, Erz und Weißes Gold. Bergbau in Tirol, Katalog Tiroler Landesausstellung Franziskanerkloster Schwaz 1990 (Innsbruck 1990) 374-381, Kat.Nr. 10.2. - Sieglinde Sepp, Die erste in Innsbruck gedruckte Tiroler Landesordnung. In: Vom Codex zum Computer. 250 Jahre Universitätsbibliothek Innsbruck, Katalog Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum 1995/96 (Innsbruck 1995) 114. - Ich danke Frau ADir. Sieglinde Sepp, Leiterin der Abteilung für Sondersammlungen an der Universitätsbibliothek Innsbruck, für ihre Hilfe bei der Suche nach Drucken aus Schwaz in diversen europäischen Bibliothekskatalogen.

 

Ellen Hastaba