Pietà, um 1350  

Pietà, um 1350

 

Südtiroler Bildschnitzer
Linde, H 98 cm, rückseitig gehöhlt, alte Fassung

Kunstgeschichtliche Sammlungen, Inv.-Nr. P 603

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In der Mitte des 14. Jahrhunderts hat sich die Pietà, das Vesperbild, im Typus der thronenden Maria mit dem großen Leichnam Christi, abgewinkelt auf den Knien Mariens ruhend, gebildet. Die Dramatik und die realistisch übersteigerte Gestik im Leid sind seit der Mystik bevorzugt. Die Blutstropfen des Wundmals sind bei diesem Bildwerk in Stuckmasse ausgebildet. Der Herkunftsort der Pietà ist nicht bekannt, jedoch ist die Skulptur ein für Südtirol markantes Werk, wie der Vergleich mit den Vesperbildern in Burgeis, Neustift oder im Diözesanmuseum Brixen zeigt.

 

Das Bildwerk wurde aus dem Nachlass von Andreas Colli zusammen mit 13 weiteren Skulpturen erworben. Elf Skulpturen wurden dem Ferdinandeum von Andreas Colli noch zu seinen Lebzeiten zum Geschenk gemacht (Protokoll der Ausschusssitzung am 16. Juli 1946). Eine weitere Figur des hl. Andreas wurde zusätzlich erworben. Der damalige Kustos, Vinzenz Oberhammer, hatte die Initiative dazu gesetzt (Protokoll der Ausschusssitzung am 11. März 1946). Die Erwerbung konnte mit einem Darlehen der Innsbrucker Sparkasse und der Stadt Innsbruck getätigt werden. Bereits 1938 hatte Oberhammer erreicht, dass das Land Tirol den "Gaaler Kruzifixus" aus der Sammlung Colli erworben und dem Ferdinandeum als Leihgabe überlassen hatte.

 

Andreas Colli (geb. 1858 in Cortina) war in den Gewerbeschulen in Ampezzo und Innsbruck ausgebildet worden und seit 1878 in Innsbruck tätig. Am 23. Februar 1882 begründeten Andreas und Candid Colli die Kunsttischlerei in der Karmelitergasse. Von 1883 bis 1904 wirkte er als Fachlehrer für Kunsttischlerei an der Innsbrucker Gewerbeschule. Er trat vor allem als Kunstsammler und Antiquar hervor. Die Kunsttischlerei Gebrüder Colli widmete sich Restaurierungen von Mobiliar, von Kircheneinrichtungen, aber auch der Fertigung von Kopien. Zu den bedeutenden Ausstattungen von Burgen und Palästen zählen die Arbeiten für das Schloss Baymocz des Grafen Palffy und das Palais Rothschild in Paris. Zusammen mit den Auszeichnungen auf den Ausstellungen in München (1888) und Paris (1889, 1900) war damit die internationale Anerkennung gelungen. Die Kunsttischlerei wurde zu einem "Fabriksetablissement" ausgeweitet und erhielt noch eine Kunstschlosserei mit 5000 Studienmodellen dazu. Am 29. Mai 1922 brannte die Anlage nieder. Danach widmete sich Andreas Colli vermehrt dem Kunsthandel (Geschäft in der Wilhelm-Greil-Straße). Er starb 1945 in Innsbruck.

 

Die Geschenke und Ankäufe aus dem Nachlass Colli sind für das Ferdinandeum eine wertvolle Bereicherung vor allem des Bestandes der romanischen und gotischen Skulptur. Darin wird auch die Sammelleidenschaft Collis augenscheinlich.


Steiermark, hl. Andreas, um 1425/30. Auch diese Skulptur wurde aus der Sammlung Colli erworben.
Kunstgeschichtliche Sammlungen, Inv.Nr. P 614


Sog. Gaaler Kruzifixus, um 1170. Auch dieses Werk stammt aus der Sammlung Colli.
Kunstgeschichtliche Sammlungen, Inv.Nr. P 1129 (Leihgabe Land Tirol)
Mehr dazu unter 1938



Literatur
Konrad Fischnaler, Innsbrucker Chronik V (Innsbruck 1934) 58. - Gert Ammann, Pietà, um 1350. In: Eines Fürsten Traum. Meinhard II. - Das Werden Tirols, Katalog Tiroler Landesausstellung Schloß Tirol - Stift Stams 1995 (Dorf Tirol-Innsbruck 1995) 464, Kat.Nr. 18.17, Abb. S. 465.

 

Gert Ammann