Innsbrucker Schneider-Musterbuch, 1779  

Innsbrucker Schneider-Musterbuch, 1779

 

Papier, 381 (Schnittseiten entsprechend länger) x 250 mm, 31 Blätter, weißer Ledereinband mit Goldprägung (u. a. kaiserlicher Doppeladler) abgebildet: Figurine und Schnitt "Zum Unggerischen Kleid"

Bibliothek, Inv.-Nr. FB 32.005

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David Schönherr vermittelte dem Museum den Ankauf von Archivalien, das Schneiderhandwerk betreffend, um 45 fl. (EB 1874, "Urkunden und Handschriften", 5-13). Das älteste Dokument, "ein Verkaufsbrief ... die Schneiderbruderschaft in Innsbruck betreffend", datiert 1444, das jüngste, "ein Freisprechungs-Brief eines Schneider-Gesellen in Innsbruck", 1830. Die ansprechendsten Stücke daraus sind die beiden Musterbücher aus dem 17. und dem 18. Jahrhundert, die nicht für den täglichen Gebrauch der Schneider - etwa heutigen Modeheften vergleichbar - bestimmt waren, sondern Grundlage der Meisterprüfung waren. Sie sind beide in Innsbruck lokalisierbar. Das jüngere nimmt auf das vorliegende ältere Bezug: Es sei "anno 1779 den 28:ten Hornung auf Befehl einer hohen Gubernial-Stelle erneüert, und mit Rißen nach jeziger gangbaren Mode, und dero vorstellenden Figuren durch Johann Michael Nirschl als Bruder=Maister, Johan Rieger, Johan Paul Hamberger, und Silvester Stainer gemacht worden, welche als denn Maister Franz Xaverius Weygand gesammelt, der Ordnung nach aufgezeichnet hat, wie nachstehend schriftlich wird zu ersehen seyn." Die im Musterbuch von 1691 enthaltenen Modelle entsprachen also nicht mehr dem Zeitgeschmack - und das zu Recht, werden in ihm doch z. T. Schnitte konserviert (etwa das Gewand "Ainem firsten Zue ainem Khiroß"), die schon im 16. Jahrhundert üblich waren, wie ein Vergleich mit dem ältesten erhaltenen Schnitt- und Meisterstückbuch (M. 16. Jh., FB 4240) zeigt. Interessant ist die Anordnung der Schnitte in beiden Büchern: Das ältere eröffnen sieben Kleidungsstücke für Geistliche (u. a. wie sie die "Minich" "zue Wiltau" tragen), gefolgt von solchen für Bürger und Bürgerin, für einen Bauern, für den Fürsten (bei Kirchgang, Tanz, Turnier) und einen Reiter; den Schluss bilden drei Gewänder für eine Fürstin. Das jüngere Musterbuch eröffnet das Hofkleid für eine Dame, gefolgt vom "deutschen Manns-Kleid". Ungarisch und spanisch beeinflusster Männermode, einem Herrenmantel wie einem dirndlartigen Frauenkleid gehören die nächsten Seiten; den Schluss bilden drei Bekleidungsstücke für Geistliche.

 

Bei der Meisterprüfung mussten nicht nur die praktischen Kenntnisse, das Nähen im Musterbuch vorgegebener Kleidungsstücke, nachgewiesen werden, sondern auch theoretische. Einen Fragenkatalog aus dem 17. Jahrhundert überliefert FB 32.007: Der Kandidat musste in der Lage sein, den vier prüfenden Meistern Fragen nach dem Materialbedarf für einzelne Stücke - von "Ainen Röckhlein yber die Kapsen darin Man das Heillig Sacrament hat" bis zur "Raiß deckhen uber Zway Roß mit Burgundischen Creizen" - zu beantworten und die Risse (sprich: Schnitte) mit der Kreide zu zeichnen.


"ainer Purgerin Ober rockh" aus: Innsbrucker Schneider-Musterbuch, 1691
Bibliothek, FB 32.006



Literatur
Ingeborg Petrascheck-Heim, Die Meisterbücher des Schneiderhandwerks in Innsbruck, in: Veröffentlichungen des Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum 50 (1970) 159-218.

 

Ellen Hastaba