Schwazer Bergbuch, 1556  

Schwazer Bergbuch, 1556

 

Papierhandschrift, 300 x 210 mm, 198 Blätter, 96 aquarellierte Miniaturen mit Blattgoldrahmung und 20 Falttafeln, Ledereinband, 18. Jh., aufgeschlagen fol. 70 v / 71r

Bibliothek, Inv.-Nr. FB 4312

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Schwaz ist aufgrund des Silber- und Kupferbergbaus in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts ein wirtschaftliches Zentrum von europäischem Range. Die Erträge aus dem Abbau ermöglichen es, die unvorstellbaren Summen aufzubringen, die für internationale Diplomatie, fürstliche Eheverträge und kostspielige Kriege nötig waren. Die Tiroler Landesfürsten verpfändeten die Rechte für den Abbau und das Schmelzen auf Jahrzehnte an kapitalkräftige Unternehmer, die den Erzabbau und die Weiterverarbeitung des Fahlerzes nach wirtschaftlichen, auf Gewinn ausgerichteten Gesichtspunkten organisierten.

 

Über ihre Vorgangsweisen sind wir u. a. durch das Schwazer Bergbuch äußerst gut informiert, denn es bietet einen großartigen Einblick in die bergtechnischen, bergrechtlichen, wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse jener Zeit. Das Schwazer Bergbuch entstand in einer Situation, als die Produktivität in den Erzgruben ihren Höhepunkt bereits überschritten hatte. Auf einem "Krisengipfel" sollten Maßnahmen beschlossen werden, um dieser Situation wirksam begegnen zu können. So ist es denkbar, dass das Bergbuch das Ziel verfolgte, im Vorfeld dieser Bergsynode einen breiteren Kreis von Personen für die Belange des Tiroler Erzbergbaus zu interessieren.

 

Von den insgesamt elf erhaltenen Handschriften ist der Innsbrucker Codex FB 4312 der prächtigste. Die Figuren der Abbildungen tragen festtägliche Kleidung; dadurch entbehren diese Malereien aber einer gewissen Praxisnähe. Als Verfasser des Textes lässt sich der ehemalige Berggerichtsschreiber zu Schwaz Ludwig Läßl ( 1561) identifizieren. Er war von Berufs wegen mit allen Abläufen eines so großen Montanunternehmens vertraut, deren Kenntnisse dem Verfasser des Bergbuches zwangsläufig zugesprochen werden müssen. Beim Maler der fast hundert Miniaturen und den angeschlossenen Falttafeln mit topographischen Darstellungen verschiedener Bergwerksreviere handelt es sich um den in Schwaz ansässigen Maler Jörg Kolber.

 

Die Bibliothek des Ferdinandeums verwahrt zwei weitere Exemplare des Schwazer Bergbuches (Dip. 856 und FB 2718). Über frühere Besitzer und den Erwerb geben Notizen im Inneren des Codex Auskunft: Die Prachthandschrift befand sich einst im Besitze des Joseph von Sperges, des Verfassers der "Tyrolischen Bergwerksgeschichte" (Wien 1765). Ein Exlibris (aufgeklebt auf das Spiegelblatt) sowie ein handschriftlicher Vermerk verweisen auf die Bestände der "K. K. Hofkammer im Münz und Bergwesen". Auch ein Eintrag betreffend die Übergabe an die Bibliothek des Ferdinandeums ist uns erhalten: "NB: Mit Dekret des h. k. k. Finanzministeriums dto 19. 6. Z 2370 de 872 dem Ferdinandeum überlassen. Wien 23/9/72 v Hofer m.p." (vgl. auch JB 1872, XXVII, Punkt 14).


Schwazer Bergbuch, 1556, Titelbild (Prophet Daniel)
Bibliothek, FB 4312



Literatur
Hermann Julius Hermann, Die illuminierten Handschriften in Tirol (Beschreibendes Verzeichnis der illuminierten Handschriften in Österreich 1, Leipzig 1905). - Franz Mayer, Das Schwazer Bergwerksbuch im Jahre 1556, in: Beiträge zur Geschichte der Technik und Industrie (Jahrbuch des Vereins Deutscher Ingenieure, Berlin 1928) 15-18. - Gewerkschaft Eisenhütte Westfalia Wethmar b. Lünen/West (Hg.), Das Schwazer Bergbuch (Faksimileausgabe, bearbeitet von Heinrich Winkelmann), (Bochum 1956). - Franz Kirnbauer, 400 Jahre Schwazer Bergbuch 1556-1956 (Leobener Grüne Hefte 25, Wien 1956). - Erich Egg, Ludwig Lässl und Jörg Kolber. Verfasser des Bergbuchs, in: Der Anschnitt. Zeitschrift für Kunst und Kultur im Bergbau 9, 1/2 (1957) 15-19. - Erich Egg, Kommentarband zum Schwazer Bergbuch. Faksimile-Ausgabe im Originalformat der Handschrift Codex 10852 aus dem Besitz der Österreichischen Nationalbibliothek, Wien (Graz 1988). - Rainer Slotta / Christoph Bartels, Meisterwerke bergbaulicher Kunst vom 13. bis 19. Jahrhundert, Katalog Ausstellung des Deutschen Bergbau-Museums Bochum und des Kreises Unna auf Schloß Cappenberg 1990 (Veröffentlichungen aus dem Deutschen Bergbau-Museum 48, Bochum 1990). - Günter Fettweis, Zu Inhalt und Struktur des "Schwazer Bergbuchs" von Ludwig Lässl 1556 aus bergkundlicher Sicht, in: Res montanarum 8 (1994) 3-13.

 

Stefan Morandell