Hl. Hieronymus, um 1525  

Hl. Hieronymus, um 1525

 

Lucas Cranach d. Ä. (Kronach 1472-1553 Weimar)
Öltempera auf Linden- und Tannenholz, 89,8 x 66,5 cm
später bez. li. mit Schlange mit liegendem Flügel

Kunstgeschichtliche Sammlungen, Inv.-Nr. Gem 116

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Inmitten einer "romantischen" Landschaft kniet der hl. Hieronymus mit nacktem Oberkörper als Büßer vor dem Gekreuzigten. Den roten Kardinalshut und -mantel hat er zu Füßen des Baumes abgelegt. In seiner Rechten hält er einen Stein als Zeichen des Eremiten. Sein Attribut - der Löwe - neigt sich rechts im Bildvordergrund zum Wasser. Links von ihm sind neben einem Biber, einer Schildkröte und einem Falken auch ein Harpyienpaar (Vögel mit menschlichen Köpfen) dargestellt, welche wohl die Verführung des Heiligen symbolisieren. Der heidnische Seelenvogel und die verführende Sirene stehen für das Weltliche und die heidnische Gelehrsamkeit (Lexikon der christlichen Ikonographie 1972, 168ff). Der hl. Hieronymus hat sich in die Einsamkeit und Wildnis zur Buße zurückgezogen, dies wird durch die Felslandschaft im Bildmittelgrund markiert. Die Felspartie ist bekrönt von einer Burg. Der Landschaftsausblick reicht rechts auf eine Waldlichtung mit Rehen und Hirschen und weiter auf eine Flusslandschaft mit Burgen und Brückenturm. Die wuchernde Natur ist belebt von Tieren, u. a. von Eichkätzchen, Sperling und Storch.

 

Das Gemälde ist in seiner lyrischen Stimmung und der liebevollen Detailmalerei der Flora und Fauna ein für die Neubewertung der Natur zu Beginn des 16. Jahrhunderts markantes Beispiel. Lucas Cranach d. Ä. hat diese neue Interpretation in seinem Cuspinian-Porträt (1502/03) und seiner Kreuzigung (1503), beide in seiner Wiener Zeit geschaffen, vorweggenommen. Für Koepplin/Falk, 548, erscheint eine Mitarbeit des Meisters der Gregorsmesse wahrscheinlich, nachdem auch Flechsig, 172ff, die Detailsicht als für Cranach ungewöhnlich bezeichnet.

 

Der Innsbrucker Kunsthändler Unterberger hatte 1864 in Bamberg bei Herrn H. G. Fincke das Gemälde des hl. Hieronymus von Lucas Cranach d. Ä. gesehen und ihm empfohlen, das Bild dem Landesmuseum anzubieten. Herr Fincke bot das Gemälde um 700 Gulden an (MA 1864, 168). Aufgrund von alten, übermalten Sprüngen im Gemälde war das Museum bereit, nur einen Kaufpreis von 500 Gulden auszulegen, womit sich Herr Fincke am 12. Oktober 1864 einverstanden erklärte.

 

Das Gemälde ist innerhalb der kleinen Galerie der altdeutschen Malerei eine wichtige Station für die Interpretation der Natur zu Beginn des 16. Jahrhunderts. Im Verbund mit der so genannten "Unterberger-Madonna" von Lucas Cranach d. J. ist die auf Albrecht Dürer orientierte Malerei markiert. Zusammen mit den in Innsbruck erhaltenen Werken Cranachs, dem Gnadenbild Mariahilf am Hochaltar des Domes und der Maria im Kapuzinerkloster ist die Kunst der beiden Cranach würdig vertreten.


Lucas Cranach d. J., Maria mit Kind, um 1560
Kunstgeschichtliche Sammlungen, Inv.Nr. Gem 898



Literatur
Max J. Friedländer, in: Repertorium für Kunstwissenschaft XXII (1899) 92. - Eduard Flechsig, Cranachstudien (Leipzig 1900) 151, 172ff, 280. - Max J. Friedländer / Jakob Rosenberg, Die Gemälde von Lucas Cranach (Berlin 1932) Nr. 144. - Dieter Koepplin / Tilman Falk (Hgg.), Lukas Cranach. Gemälde, Zeichnungen, Druckgraphik, Katalog Kunstmuseum Basel 1974 (Basel-Stuttgart 1976) 548f, Kat.Nr. 409.

 

Gert Ammann