Steppenhuhn  

Steppenhuhn

 

Syrrhaptes paradoxus (Pallas 1773)
Dermoplastik

Naturwissenschaftliche Sammlungen, Inv.-Nr. Ornithologie, Inv.Nr. 161 a ♂

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Steppenhühner, zur Familie der Pteroclidae (Flughühner) gehörend, sind taubengroße Bodenvögel mit kurzen, vollständig befiederten Beinen, fehlender Hinterzehe und langen, spitzen Flügeln, die im Flug pfeifende Geräusche hervorrufen. Sie sind vor allem in den mit Artemisia bestandenen zentralasiatischen Steppen und Halbwüsten verbreitet. Die Männchen können über weite Strecken Wasser transportieren, indem sie an der Tränke ihr strukturell umgewandeltes inneres Bauchgefieder einnässen. Die nestflüchtenden pulli saugen das durch Kapillarwirkung gehaltene Wasser auf.

 

Nach singulären Beobachtungen bei Sarepta an der unteren Wolga 1848, in Mitteleuropa 1859 bei Zandvoort/Holland sowie weiteren kleineren Einflügen kam es in den Jahren 1863, 1888 und 1908 zu Großinvasionen von 100.000 und mehr Vögeln in Europa mit einzelnen Brutversuchen. Durch den Karpatenbogen als topographische Barriere wurden die von den ariden Gebieten Zentralasiens gegen Westen ziehenden Schwärme größtenteils nach Nordwesten abgelenkt. An die 10.000 Steppenhühner drangen über Deutschland Richtung Niederlande und Jütland vor, ca. 2000 erreichten teilweise die Nordsee überfliegend Schottland als nordwestlichsten Punkt ihres Zuges. Kleinere Trupps drangen von Südosten über die Ungarische Tiefebene und das Wiener Becken nach Mitteleuropa vor. Beobachtungen aus Predazzo 1863, Bozen 1863 (?), Cavalese 1888 und Glurns / Prader Sand 1888 sowie die beiden Belege der Sammlung des Ferdinandeums aus dem Jahre 1863 aus Bruneck (Tschusi, 78-79; Dalla Torre / Anzinger, 11) dokumentieren das fragmentarische Auftreten in Südtirol und dem Trentino. Aus Nord- und Osttirol liegen keine Beobachtungen vor.

 

Im mannigfaltigen Erklärungsspektrum für diese Invasionen wird eine westwärts gerichtete Ausweitung des Brutgebietes, verursacht durch Dürreperioden und geringes Nahrungsangebot, als wahrscheinlichste Ursache angenommen (Glutz, 871, 874-875). Seit der dritten Invasion wurden nur mehr sporadische und zahlenmäßig geringe Einflüge nach Europa registriert. Einen wenig bekannten neueren Nachweis belegen zwei Präparate aus Kaltern 1957 in der Sammlung Simon Ratschiller (Ortner, 468). Steppenhühner aus dem Gebiet der Piave wurden 1959 am Bozner Markt zum Verkauf angeboten und vereinzelt präpariert (Psenner, 71).

 

Das Steppenhuhnpaar des Ferdinandeums ist ein Geschenk von Johann Hölzl, Kaufmann in Bruneck (MA 1863, 247). "... diese seltsamen Thiere, ohne Paß und Heimatschein, ... die einem anderen Welttheile angehörig als freiwillige oder gezwungene Touristen Europa besuchten und sich ... zu einer Jause niederließen", wurden im Juni 1863 unweit des Pragser Seekofls (südlich von Oberolang bei Bruneck) erlegt (Pusterthaler Bote 119) und von Herrn Reiter (MA 1863, 220) präpariert.


Literatur
Aus der Heimath, in: Pusterthaler Bote (1863) 119. - Viktor von Tschusi, Das Steppenhuhn (Syrrhaptes paradoxus Pall.) in Österreich-Ungarn, in: Mittheilungen des Naturwissenschaftlichen Vereines für die Steiermark 26 (1890) 29-128. - Karl Wilhelm von Dalla Torre / Franz Anzinger, Die Vögel aus Tirol und Vorarlberg, in: Die Schwalbe. Mittheilungen des Ornithologischen Vereines in Wien XXI. Ergänzungs-Nummer (1896/97) 1-36. - Hans Psenner, Steppenhühner-Invasion in Italien, in: Der Anblick 15/3 (1960) 71. - Peter Ortner, Zur Ornithologie des Etschtales, in: Der Schlern 43 (1969) 455-487. - Urs N. Glutz von Blotzheim / Kurt M. Bauer / Einhard Bezzel, Handbuch der Vögel Mitteleuropas 7/2 (Wiesbaden 1977) 866-885.

 

Wolfgang Neuner