Alter Mann mit Pelzmütze, 1630  

Alter Mann mit Pelzmütze, 1630

 

Rembrandt Harmensz. van Rijn (Leiden 1606-1669 Amsterdam)
Holz, 22 x 17,5 cm
bez. über der Schulter rechts: RHL (Buchstaben ligiert) 1630

Kunstgeschichtliche Sammlungen, Inv.-Nr. Gem 599

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Das Gemälde zeigt das Brustbild eines alten Mannes, der einen "kolpak", die hohe Pelzmütze der polnischen Juden, trägt, und beeindruckt trotz seiner kleinen Bildmaße durch die für Rembrandt typischen Hell-Dunkel-Kontraste auf dem Gesicht und die hohe malerische Textur: Während der Künstler für die Gestaltung der feinen Pelzhaare die Farbe dünn auftrug und mit dem Effekt des durchscheinenden Untergrundes arbeitete, setzte er die Runzeln und Falten des Gesichtes durch kräftigere Pinselstriche in opaken Farbnuancen auf und erzeugte so eine besonders plastische Wirkung.

 

Diese Art von Gemälde versteht sich nicht als Porträt, sondern wird als "tronie" bezeichnet, das "Kopf", "Gesicht" oder "Gesichtsausdruck" bedeutet. Die niederländischen Künstler legten sich Sammlungen solcher Charakterkopfstudien an, um sie dann in ihre Gemäldekomposition nach Bedarf einzubauen. In Rembrandts Werkstatt verselbständigten sich die "tronies" zu vollgültigen Kunstwerken, die sich gut verkauften, vereinigten sie doch alle für Rembrandts Malerei typischen Merkmale.

 

Lange Zeit sah man in dem Dargestellten ein Porträt von Rembrandts Vater; eine These, die jedoch sachlich nicht belegt werden kann. Den charakteristischen Kopf dieses alten Mannes trifft man häufig im Werk Rembrandts an, er findet sich aber auch in dem Gemälde "Brustbild eines alten Mannes mit Feldbarett und Halsberge" seines Schülers Gerard Dou.

 

1856 vermachte der gebürtige Bozner Josef Tschager dem Ferdinandeum testamentarisch 111 Gemälde und 10.000 Gulden. Darunter befanden sich 70 Gemälde niederländischer Maler - unter anderem dieses Werk Rembrandts (MA 1857, 29). Der Bestand wuchs im Laufe der Jahre durch weitere Legate und Schenkungen sowie gezielte Ankäufe, wozu auch die Gelder aus dem von Tschager errichteten Fonds verwendet wurden. Die qualitätvolle und umfangreiche Niederländer-Sammlung im Ferdinandeum erfreut sich sowohl in internationalen Fachkreisen als auch beim breiten kunstinteressierten Publikum großen Ansehens.


Josef Arnold d. Ä. (1788-1879), Josef Tschager, 1824
Kunstgeschichtliche Sammlungen, Inv.Nr. Gem 1449


Gerard Dou (1613-1675), Flötenspielender Knabe. Auch dieses 2001 aus dem Ferdinandeum gestohlene Bild eines flötenspielenden Knaben von Gerard Dou war Teil des Legats von Josef Tschager.
Kunstgeschichtliche Sammlungen, Inv.Nr. Gem 624
Siehe auch unter Chronik 2001



Literatur
Ludwig Münz, Rembrandts Bild von Vater und Mutter, in: Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien 50 (1953) 141-190, Abb. 184. - Abraham Bredius, Rembrandt. The complete edition of the Paintings, Utrecht 1935, überarbeitete Ausgabe von Horst Gerson (London 1969). - Rembrandt Research Pro ject / Josua Bruyn / Bob Haak / Simon H. Levie / Pieter J. J. van Thiel / Ernst van de Wetering, A Corpus of Rembrandt Paintings 1 (The Hague-Boston-London 1982) 285-293, A 29, mit Abbn. - Rembrandt. Der Meister und seine Werkstatt. Gemälde, Katalog Gemäldegalerie Staatliche Museen Preußischer Kulturbesitz im Alten Museum Berlin 1991 / Rijksmuseum Amsterdam 1991/92 / The National Gallery London 1992 (München-Paris-London 1991) 142f, Kat.Nr. 7, mit Abb. - Claus Grimm, Rembrandt selbst: Eine Neubewertung seiner Porträtkunst (Stuttgart-Zürich 1991) 96, Abb. 173. - Rembrandt und Van Vliet, Katalog Museum het Rembrandthuis 1996 (Amsterdam 1996) 63f, Nr. 11b, mit Abb. - Die Angaben im Text beziehen sich hauptsächlich auf die Bearbeitung von Gregor J. M. Weber, in: Bestandskatalog der Niederländer-Sammlung im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum (in Vorbereitung) Kat.Nr. 27, mit Abb.

 

Eleonore Gürtler