Missale Brixinense, 1511  

Missale Brixinense, 1511

 

Gedruckt in Basel bei Jakob von Pforzheim (= Jakob Wolff 1492-1518)
Papier/Pergament, 350 x 250 mm, 258 Blätter

Bibliothek, Inv.-Nr. FB 3648

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Missalia sind liturgische Bücher, die der Priester für die Eucharistie benötigt und welche die veränderlichen wie unveränderlichen Teile der Messfeier enthalten. Bis zum Konzil von Trient (1545-1563) existierten in vielen kirchlichen Zentren, wie Köln, Lyon, Mailand, oder den Hauptklöstern der Orden (Cluny, Cîteaux) eigene Messordnungen. Papst Pius IV. setzte im Sinne des Tridentinum eine Kommission zur Revision des Missale ein. Das Ergebnis war das "Missale Romanum ex decreto SS. Concilii Tridentini restitutum", das von allen Kirchen innerhalb weniger Monate übernommen werden sollte.

 

Wie häufig bei frühen Missalia-Drucken ist der "Te igitur"-Teil auf Pergament gedruckt. Es handelt sich dabei um den schon seit langem als feststehende Regel (= Canon) fixierten Teil, der die Gebete und Handlungen für das heilige Opfer einschließt. Die Bildseite zu Beginn des "canon missae" besteht aus einer Kreuzigungsgruppe. Es handelt sich um einen kolorierten Holzschnitt; die Nimben der dargestellten Personen sind vergoldet. Die INRI-Tafel ist seitenverkehrt abgebildet.

 

Zwei Bildinitialen schmücken dieses Messbuch: eine I-Initiale (fol. 1r, Auftakt zum Eingangsgebet für den 1. Adventsonntag) zeigt einen Mönch, der kniend in einer von einem floralen, phantastischen Ornament mit spaltenlangem Ausläufer umgebenen Landschaft betet, und eine T-Initiale (fol. 140r, zu Beginn des Kanonteiles), die links und rechts des Schaftes je einen Engel mit Attributen zum Leiden Christi zeigt.

 

Das Schutzheiligenbild (bl. 1r) füllt die gesamte Seite aus und stellt in der oberen Hälfte die thronende Muttergottes mit dem Kinde dar, flankiert von den Hll. Petrus und Paulus. Im unteren Teil erkennt man die drei Patrone des Bistums Brixen, die Hll. Ingenuin, Cassian und Albuin. Getrennt werden die beiden Darstellungen durch Wappen, jenes des Bistums Brixen, an deren Seiten das Wappen des Domkapitels und jenes der Herren von Schrofenstein gezeigt werden. Dieses letztgenannte Wappen verweist auf Christoph I. von Schrofenstein. Im Jahr seiner Priester- und Bischofsweihe wurde das Missale angefertigt. Sein koloriertes Wappen ziert den unteren Teil der Versoseite des Schutzheiligenbildes. Darüber ist eine Vorrede des Bischofs in Urkundenform abgedruckt. Aus dieser und den Angaben im Kolophon erfahren wir, dass der Meister Jakob von Pforzheim in Basel im Jahre 1511 diesen Codex mit Unterstützung des Augsburger Bürgers Johannes Oswald angefertigt hat. Magister Blasius Forner hat das Werk emendiert.

 

Das auf den Vorderspiegel aufgeklebte Exlibris verweist auf die Waldaufsche Prediger-Bibliothek in Hall/Tirol. Das Ferdinandeum erwarb das Missale im Jahre 1854 (EB 1854 und MA 1854, 136) vom "Hausirer Johann Prugger für 5 fl. R.W.".


Missale, Renaissanceledereinband über Holzdeckeln mit Eck- und Mittelbeschlägen, Schließenbeschläge (Lederbänder fehlen)
Bibliothek, FB 3648



Literatur
Lexikon für Theologie und Kirche (2. Aufl., Freiburg i. Breisgau 1961-1967). - Erich Egg, Katalog Ausstellung Maximilian I. Innsbruck 1969 (Innsbruck 1969) Kat.Nr. 414. - Josef Benzing, Die Buchdrucker des 16. und 17. Jahrhunderts im deutschen Sprachgebiet (Beiträge zum Buch- und Bibliothekswesen 12, 2. Aufl., Wiesbaden 1982). - Klaus Bruner, Katalog der Ritter-Waldauf-Bibliothek in Hall/Tirol (München-New York-London-Paris 1983).

 

Stefan Morandell