Mänade  

Mänade

 

frühes 2. Jahrhundert n. Chr.
St. Andrä bei Brixen
Bronze
H 12,3 cm, B 9,1 cm

Vor- und Frühgeschichtliche und Provinzialrömische Sammlungen, Inv.-Nr. U 5.119

Bild vergrößern ...

 


Die Büste ist mit Mantel, Chiton und Kitzfell (Nebris) bekleidet. Das Kitzfell ist quer über die Brust gelegt und über der linken Schulter geknotet, die haarige Oberfläche des Felles ist durch feine Ziselierung gekennzeichnet. Über der rechten Schulter bauscht sich der Mantel. Das reiche Haar mit auf den Schultern liegenden gedrehten Haarsträhnen wird über der Stirn durch eine einfache Binde gehalten. Im in der Mitte gescheitelten Haar trägt die Mänade weitere dionysische Elemente: einen barock überquellenden Efeukranz, von dem einzelne Blätter und Rankenenden plastisch herausgearbeitet sind. Der Kopf ist leicht nach rechts gewendet, ihr Blick ist pathetisch nach oben gewandt. Der leicht geöffnete Mund sowie der ekstatische Ausdruck des Gesichtes lassen den Betrachter dionysische Ekstase und Orgiasmus erahnen. Verstärkt wird dies noch durch die mit leuchtenden roten, sechseckig geschliffenen Almandinen eingelegten Augen, aufgesetzt auf feinste Zinnlamellen, die den Eindruck erwecken, als würde der Blick der Mänade verklärt in die Ferne schweifen, sowie den leicht geöffneten Nasenflügeln. Die auf Vorderansicht gearbeitete Büste ist hinten hohl ausgearbeitet, was auf ihre Verwendung schließen lässt: denkbar wäre eine Verwendung als Beschlag auf einer Truhe, eines Kästchens, an einem Bett oder auch als Mittelstück eines Prunktellers. Die hellenistischen Vorbilder der Büste sind in ihrem pathetischen Ausdruck zu erkennen, im Gegensatz dazu stehen gewisse klassizistische Härten: die Behandlung der Stirn-Nasen-Partie oder die schematische Behandlung der gerollten Locken auf den Schultern. Diese Anlehnung an griechische Vorbilder sowie deren fassadenhafte Schönheit erlauben es, das Stück in die hadrianische Zeit (117-138 n. Chr.) einzuordnen.

 

Das Stück wurde am 20. Oktober 1837 (EB 1837) erworben. Die Benennung der Büste stellte anfangs noch Schwierigkeiten dar (JB 1837, XXVII, Nr. 10). Doch bereits 1875 erkannte sie Adolf Pichler als dem dionysischen Kreis zugehörig und erlaubte sich, sie Ariadne zu nennen (Pichler, 13).

 

Trotz zahlreicher neuer archäologischer Untersuchungen, die viele wichtige Neufunde zutage gefördert haben, bleibt die Mänade bis heute die schönste und qualitätvollste römerzeitliche Bronze aus Südtirol.


Literatur
Adolf Pichler, Die Antiken im Museum zu Innsbruck, in: Zeitschrift des Ferdinandeums für Tirol und Vorarlberg, 3. F., 19 (1875) 13. - Elisabeth Walde-Psenner, Die figürlichen Bronzen in der Vor- und Frühgeschichtlichen Sammlung des Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, in: Veröffentlichungen des Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum 56 (1976) 169-288, bes. 224-225, Nr. 102, 279, Abb. 102. - Elisabeth Walde-Psenner, Die vorrömischen und römischen Bronzestatuetten aus Südtirol (Archäologisch-historische Forschungen in Tirol 6, Calliano 1979) 98-101, Abb. S. 99. - Elisabeth Walde-Psenner, Bronzetti figurati antichi fra Inn e Garda. In: Beni Culturali nel Trentino. Contributi all'archeologia 4 (Trento 1983) 83-84. - Liselotte Zemmer-Plank, Herrscher, Krieger und Geliebte. Antike Götter und ihr Himmel. Katalog Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum (Innsbruck 1989) 78, Kat.Nr. 127.

 

Anton Höck