Pallas von Turnus getötet, 1786  

Pallas von Turnus getötet, 1786

 

Angelika Kauffmann (Chur 1741-1807 Rom)
Öl auf Leinwand, 44,8 x 61,6 cm

Kunstgeschichtliche Sammlungen, Inv.-Nr. Gem 298

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Ab Jänner 1763 lebte Angelika Kauffmann in Rom, wo ihre Laufbahn ihren ersten Höhepunkt erfuhr. Sie erhielt die Ehrenmitgliedschaft der Accademia di S. Luca und trat zu Johann Joachim Winckelmann, der sie in die Welt der Antike einführte, in freundschaftliche Beziehung.

 

1784 besuchte Kaiser Joseph II. die Künstlerin in ihrem Atelier in Rom und bestellte, die Themen ihr überlassend, zwei große Historienbilder. Die Künstlerin wählte dafür ein antikes Thema aus der von ihr bevorzugten Aeneis des Vergil: Pallas, Sohn des arkadischen Heros Evander, der sich vor Aeneas im Siedlungsgebiet Roms niedergelassen hatte, kämpfte als dessen Bundesgenosse gegen die Latiner. Dabei wurde er von Turnus, dem König der Rutuler, getötet. Als Pendant wählte sie eines aus der alten deutschen Geschichte, nämlich die Heimkehr Arminius' aus der Schlacht im Teutoburger Wald (Inv.Nr. Gem 299).

 

Das hier vorliegende Gemälde ist eine Ölstudie für die 154 x 216 cm große Komposition, die ehemals im Kunsthistorischen Museum in Wien hing und seit dem Zweiten Weltkrieg verschollen ist. Der Hauptgedanke hält sich ziemlich genau an Vergil (Aeneis XI, 25 ff) und zeigt den auf einer Bahre liegenden Pallas, der von Aeneas mit einem kostbaren Tuch, einem Geschenk Didos, bedeckt wird. Indem die Künstlerin die stille Größe des trauernden Freundes gegen die Vielfalt extremer Gefühlsausbrüche der klagenden Trojer stellt, setzt sie den Aspekt der Freundschaft in den Mittelpunkt des Geschehens. In der Darstellung des liegenden Helden rezipiert Kauffmann Nicolaus Poussins Tod des Germanicus.

 

Die Ölstudie wurde vom Museum gemeinsam mit Inv.Nr. Gem 299 aus dem Nachlass der Künstlerin 1831 erworben. "Die bei weiten wichtigste Erwerbung (sic!) sind die zwei vortrefflichen, sehr vollendeten Skizzen von Angelika Kaufmann, wovon die im Großen ausgeführten Gemälde sich in der k. k. Gemälde-Gallerie (sic!) im Belvedere zu Wien befinden, die eine den deutschen Hermann als Sieger über die Römer und Thusnelda, die andere die Trauer um den todten (sic!) Jüngling Pallas vorstellend. Man erhielt beide Stücke um einen sehr billigen Preis aus dem Kunstnachlasse der berühmten, ihrem Vaterlande Vorarlberg so sehr zur Ehre gereichenden Künstlerin, wodurch das Ferdinandeum von derselben nun sowohl im Fache der Historie als in jenem des Porträts ausgezeichnete Werke besitzt." (JB 1832, 10-11)

 

Das Gemälde vermittelt auf anschauliche Weise einen Eindruck vom reifen Können der Künstlerin in ihrer Romzeit. Es gehört innerhalb der Gemäldesammlung des Ferdinandeums mit zu den Meisterwerken des 18. Jahrhunderts.


Angelika Kauffmann (1741-1807), Hermann von Thusnelda gekrönt, 1786
Kunstgeschichtliche Sammlungen, Inv.Nr. Gem 299



Literatur
Katalog der Gemäldesammlung Museum Ferdinandeum Innsbruck (Innsbruck 1928) 45, Kat.Nr. 298. - Oscar Sandner, Angelika Kauffmann und ihre Zeitgenossen, Katalog Vorarlberger Landesmuseum 1968 und Österreichisches Museum für Angewandte Kunst 1969 (Bregenz 1968) 68, Kat.Nr. 57. - Österreich zur Zeit Kaiser Josephs II., Katalog Niederösterreichische Landesausstellung Stift Melk (Wien 1980) 554, Kat.Nr. 1070. - Elisabeth von Geichenstein und Karin Stober, Angelika Kauffmann (1741-1807) - Marie Ellenrieder (1791-1863). Malerei und Graphik, Katalog Rosengarten Museum Konstanz 1992 (Konstanz 1992) 169-171, Kat.Nr. 34. - Antikensehnsucht und Heimatsuche. Meisterwerke des 18. und 19. Jahrhunderts aus dem Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum Innsbruck, Katalog Liechtensteinische Staatliche Kunstsammlung Vaduz 1994 (Innsbruck 1994) 38f (Abb.).

 

Günther Dankl