Gregor Angrer, Brixener Domherr, 1519  

Gregor Angrer, Brixener Domherr, 1519

 

Meister des Angrer-Bildnisses / Marx Reichlich (? um 1460/65-um 1520 Brixen?)
Öltempera auf Tanne, 59,8 x 43,3 cm
Inschrift: GREGORIVS ANGRER · DD · DOC · BRIXINEÑ /
ET VIENEÑ ECCLIAR CANOICVS AETATIS SVE / AN·XXXVIIII·M·VII·D·II· / ·1519.

Kunstgeschichtliche Sammlungen, Inv.-Nr. Gem 122

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Das frontal dem Betrachter zugewandte Porträt zeigt einen Domherrn mit roter Schaube, in grünem Umhang gekleidet. An der Vorderseite der Holzbrüstung ist der Inschriftenzettel (mit der oben zitierten Inschrift) an sechs Stellen mit Siegellack befestigt. Die Gesichtspartie mit den prägnant blickenden, vielleicht sinnenden Augen und dem fest geschlossenen Mund charakterisiert bewusst die Persönlichkeit des Dargestellten. Das sensibel modellierte Gesicht mit nuancierten, weichen Übergängen von Licht und Schatten wird durch die Farbwerte der roten Kappe und des weißen Hemdkragens in Spannung versetzt.

 

Gregor Angrer, 1476 in Wien geboren, studierte in Siena, erhielt 1509 die Doktorwürde und von Kaiser Maximilian I. eine Domherrenstelle in Wien. Als Gesandter wirkte er in Italien und beim Papst in Rom. In seiner Karriere folgte 1515 die Ernennung zum Domherrn in Brixen, 1527 zum Propst des Kanonikerstiftes Innichen und 1530 zum Bischof von Wiener Neustadt, wo er 1548 starb und im Dom begraben wurde.

 

Das Bildnis wurde u. a. Holbein, Altdorfer, van Scorel, Apt d. Ä. zugeschrieben. Friedländer 1929, 1, bezeichnet den Künstler aus dem Brixener Raum mit dem Notnamen "Meister des Angrerbildnisses". Oberhammer 1950 nennt erstmals die Nähe des Angrer-Meisters zu Marx Reichlich. Rasmo, Egg und zuletzt Madersbacher schließen sich an. Reichlich verließ nach dem Tod Michael Pachers 1498 Salzburg und war in Hall in Tirol und in Neustift bei Brixen tätig.

 

Leopold Bisdomini (mehr zu ihm unter Chronik 1839) in Brixen bot dem Ferdinandeum seine Gemäldesammlung um 1500 Gulden zum Kauf an (MA 1830, 7). Der Ausschuss ersuchte Johann von Vintler in Bruneck, die Sammlung zu besichtigen und einige Werke zum Erwerb vorzuschlagen: Unter Nr. 1 war Holbeins Porträt vom Bischof Angrer notiert (MA 1830, 44). Am 15. Juli 1830 hatte der Verwaltungsausschuss Herrn von Vintler ermächtigt, den Kaufkontrakt abzuschließen (15. Oktober 1830; Nr. 10 "Das Portrait des Dr. Angerer von Holbein" im Wert von 300 Gulden, MA 1830, 106).

 

Das Angrer-Porträt zählt neben Reichlichs Bildnis eines Kaufmanns zu der kleinen, aber qualitätvollen Sammlung von Bildnissen aus dem beginnenden 16. Jahrhundert; darunter befinden sich das Kaiserporträt von Maximilian I. von Bernhard Strigel (1507/08), das Bildnis Anna von Ungarns von Hans Maler (1521) und Jakob Seiseneggers Doppelporträt des Ehepaares Kleplat (1536, 1537).


Literatur
Max J. Friedländer, Der Meister des Angrerbildnisses, in: Der Cicerone 21 (1929) 1-6. - Vinzenz Oberhammer, Der Meister des Angrerbildnisses. In: L. Roselius (Hg.), Deutsche Kunst 7/1 (1942). - Nicolò Rasmo, Michael Pacher (München 1969) 194. - Erich Egg, Marx Reichlich, der Meister des Angererbildnisses, in: Zeitschrift für Kunstwissenschaft 14 (1960) 1-18. - Lukas Madersbacher, Marx Reichlich und der Meister des Angrerbildnisses. Phil. Diss. (Innsbruck 1994).

 

Gert Ammann