Kochbuch, E. 16. Jahrhundert  

Kochbuch, E. 16. Jahrhundert

 

Papier, 310 x 225 mm, 240 Blätter, Goldschnitt, Ledereinband über Holzdeckeln mit vergoldeter Rollen- und Plattenpressung, Metall-Lederschließen, alte Wasserschäden, aufgeschlagen fol. 182v/183r (Rezepte zur Konservierung von Weichseln, Birnen, Schlehen, Berberitzen)

Bibliothek, Inv.-Nr. FB 32.033

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Spätestens seit seiner Existenz im Ferdinandeum gibt dieses Kochbuch Rätsel auf: Im Erwerbungsbuch (EB 1828, November, 17) ist es als "Ein Kochbuch in Manuskript. Groß Folio. Geschenk des H. v. Kolp k. k. Beamten bej der Bau Direktion." verzeichnet. Im gedruckten Jahresbericht (JB 1828, 25) heißt es: "Ein Kochbuch aus dem sechszehnten Jahrhundert 212 Blatt Folio nebst einem umständlichen Register schön geschrieben und gebunden mit Goldschnitt und vergoldeten Schließen, wahrscheinlich von Philippina Welser, wurde gekauft." Unklar ist der Wechsel der Erwerbungsart! - Im 20. Jahrhundert fiel dann das Wörtchen "wahrscheinlich" weg.

 

Die Augsburgerin Philippine Welser (1527-1580) erlebte im 19. Jahrhundert eine Renaissance und war auch im Ferdinandeum vertreten, wie u. a. aus dem 2. Jahresbericht (JB 1825, 15) ersichtlich ist: "Giustiniano degli Avancini von Levico gab einen schönen Beweis seines Kunsttalentes sowohl als seines Patriotismus dadurch, daß er ein auf dessen eigenes Verlangen von dem Verwaltungs-Ausschusse ihm gegebenes Sujet aus der vaterländischen Geschichte - den Augenblick der Ueberraschung des Herzogs Ferdinand von Oesterreich beim ersten Anblicke der schönen Philippine Welser, seiner nachmaligen Gemahlin - für das Museum in einem großen Tableau" ausführte. Er sandte es auf eigene Kosten zusammen mit seiner Novelle "Ferdinando Conte del Tirolo" ein. - Was lag also näher, als ein Kochbuch, das in Philippines Lebenszeit fällt, mit ihr zu verbinden, zumal bekannt war, dass sie etwas vom Kochen verstand und auch ein Kochbuch, heute wieder auf Schloss Ambras, besaß?

 

Ein "Verzaichnuß Etlicher Malzeiten", welches mehrgängige Menüvorschläge für alle Tageszeiten enthält, eröffnet das Kochbuch. Der Rezeptteil wird mit der Bemerkung "Vermörckht Wie Nun die Speissen Zue gericht werden müessen" eingeleitet. Der kulinarische Bogen spannt sich - ohne erkennbare zwingende Ordnung - vom "Pameränzen und Citrony Sallat" (fol. 16r) bis zum Ratschlag "Daß das Pier nit Sauer wierdt" (fol. 212r) und wird von einem alphabetischen Register erschlossen. Daß das Kochbuch aus dem Salzburger Raum stammt, belegen die Speisenfolgen anlässlich einiger konkreter Festessen, so u. a. (fol. 8r) derjenigen, die der Salzburger Erzbischof Michael von Kuenburg (1554-1560) "auf den vergangenen Reichstag des 1559 Jahrs" gab, "wie er die Churfürsten und Erz herzog Carl mit samt anderen Fürsten und derselben gesandten geladen" hat. Auffällt die schöne Ausstattung des von einer Hand geschriebenen Bandes und das Fehlen von Gebrauchsspuren. Das Ferdinandeum besitzt eine Vielzahl handschriftlicher Kochbücher vom 16. Jahrhundert an bis in unsere Zeit.


Giustiniano degli Avanzini (1807-1843), Erzherzog Ferdinand und Philippine Welser, 1825
Kunstgeschichtliche Sammlungen, Inv.Nr. 1099



Literatur
Manfred Lemmer (Hg.), Das Kochbuch der Philippine Welser. Kommentar, Transkription und Glossar von Gerold Hayer (Innsbruck 1983). - Handschriftliche Kochbücher im Bestand des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum (Auswahl): FB 32079, FB 20469, FB 2283, FB 32275, FB 32281/1-4, FB 32276, FB 19509, FB 19510, W 16159, FB 4008, FB 32274, FB 42167, FB 42975, W 17874, W 3672, FB 66215, FB 19512, FB 1237, FB 32278, FB 32279, FB 32246, FB 32245.

 

Ellen Hastaba